Nachruf Peter Fedor-Freybergh, 12.11.1936 – 6.10.2021

Mit Trauer und Schmerz müssen wir von Peter-Fedor-Freybergh, einem Pionier der Pränatalen Psychologie und großen Wissenschaftler und wissenschaftlichen Publizisten, Abschied nehmen, der dank seines breiten wissenschaftlichen Spektrums, das von der Immunologie über die Geburtshilfe, die Psychiatrie, Psychosomatik bis zur Psychotherapie und sogar zu literarischen Werken reichte, so integrativ wirksam sein konnte. Durch dieses breite Spektrum war er berufen, dem Wissenschaftsbereich der Erlebens- und Verhaltensbedeutung und der Psychosomatik vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen ein interdisziplinäres Forum im Rahmen der Fachkongresse der „International Society for Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine“ (ISPPM) zu schaffen, wie ebenso ein publizistisches Forum im „Journal for Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine“ zu etablieren. Damit gab er der schon bestehenden tiefenpsychologischen Erforschung der Erlebens- und Verhaltensbedeutung von Schwangerschaft und Geburt in der „Studiengemeinschaft für Pränatale Psychologie“ (ISPP) einen interdisziplinären Rahmen, was seinen Ausdruck in der Namenserweiterung in „International Society for Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine“ (ISPPM) fand.
Darüber hinaus waren seine Aktivitäten auch eine Ressource für die Gründung der „Accociation for Prenatal and Perinatal Psychology and Health“ (APPPAH) durch Thomas Verny. Beide Gesellschaften sind die weltweit bedeutenden Foren für die Pränatale Psychologie in Wissenschaft und Praxis (www.isppm.de, www.birthpsychology.com).
Die Möglichkeit zu einem so breiten Spektrum an Aktivitäten hatte ihre Wurzeln in Fedor-Freyberghs europäisch-humanistischer Bildung und seiner erstaunlichen Vielsprachigkeit und der damit verbundenen Vertrautheit mit verschiedenen kulturellen Räumen. Dies ermöglichte ihm die tragische Situation, dass er durch das Scheitern des „Prager Frühlings“ 1968 gezwungen war, seine Heimat zu verlassen, für einen Neuanfang zu nutzen. Letztlich forderte ihn das heraus, sich in der neuen Situation neu zu beheimaten, was in einer vollständigen Weise nur möglich ist, wenn man sich in der Ganzheit seines Lebens von Anfang an beheimaten kann. Für dieses Programm fand Peter Fedor-Freybergh in der “Pränatalen Psychologie“ den geeigneten Rahmen, den er dann durch seine Aktivitäten interdisziplinär und international tragfähig erweiterte.
Einige Stufen seiner beruflichen Entwicklung seien genannt: Doktor der Medizin 1959, Doktor der Psychologie 1965, Facharzt für Psychiatrie und Kinderpsychotherapie 1962, Doktor der Psychiatrie 1967, Doktor der Gynäkologie und Geburtshilfe 1977. Ärztliche Tätigkeit seit 1968 in psychiatrischen Kliniken in Österreich, der Schweiz, England und Schweden; Dozent für Psycho-Neuro-Endokrinologie in Stockholm 1978 und später auch in Salzburg. 1974 war er wesentlich an der Entwicklung der Biologischen Psychiatrie beteiligt, ohne aber in diesem engeren Rahmen zu verharren. Immer dachte er über engere Fachgrenzen hinaus. So war er viele Jahre ein führendes Mitglied der „Internationalen Gesellschaft für Psychosomatik in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe“ (ISPOG). Von 1966-1970 war er Sekretär der „World Association for Child and Adolescent Psychiatry“.
1986 verschaffte Peter Fedor-Freybergh mit einem großen internationalen Kongress der Pränatalen Psychologie in Bad Gastein erstmals eine Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, indem er die ISPPM als interdisziplinäre und internationale wissenschaftliche Gesellschaft etablierte. Basierend auf den Beiträgen auf diesem Kongress veröffentlichte er 1987 das erste Handbuch der Pränatalen Psychologie unter dem Titel „Pränatale und perinatale Psychologie – Begegnung mit dem Ungeborenen“ und 1988 das erste Handbuch der Pränatalen Psychologie in Englisch unter dem Titel „Prenatal and Perinatal Psychology. Encounter with the Unborn“. Von 1983-1992 war er Präsident der ISPPM und verschaffte dem neuen Wissenschaftsbereich der Pränatalen Psychologie damit ein internationales Forum.
1996 wurde er zum Professor für Kinderpsychiatrie an der Universität Prag berufen. Diese Professur bekleidete er bis 2004. 2006 hatte er eine Professur an der Universität Trnava in der Slowakei inne und 2007 wurde er Direktor des „Instituts für pränatale und perinatale Psychologie, Medizin und Sozialarbeit“ an der Universität Sankt Elisabeth in seiner Heimatstadt Bratislava. 2009 bekam er dort den Titel „Professor für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin“, die erste Professur für dieses Fach weltweit.
Zusätzlich zu dieser ganz erstaunlichen wissenschaftlichen Tätigkeit war Peter Fedor-Freybergh Herausgeber von vier internationalen Zeitschriften: der schon oben genannten Zeitschrift für Pränatale Psychologie, der Zeitschrift „Activitas Nervosa Superior“, der Zeitschrift „Clinical Social Work & Health Interventions“ und den „Neuroendocrinological Letters“, die er von Derek Gupta übernommen hatte und die er zusammen mit seiner Frau Lili Maas wesentlich weiterentwickelte und gestaltete. Diese Zeitschrift spielte eine wichtige Rolle in der Vermittlung osteuropäischer wissenschaftlicher Arbeiten in diesem Feld. Bedeutsam ist ebenso die Vermittlung des internationalen Wissens der Pränatalen Psychologie auf mehreren Kongressen in der Slowakei, die unter seinem Namen abgehalten wurden.
Die zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten von Peter Fedor-Freybergh sind im Internet unter „Research Gate“ abrufbar.
Über die Vielfalt seiner beruflichen Tätigkeit kann man nur staunen. Sie wurde wesentlich durch seine Hochbegabung ermöglicht, aber in gleicher Weise durch seine tiefe Mitmenschlichkeit und seine ganz ungewöhnliche Fähigkeit zum Aufbau von Vertrauensbeziehungen zu sehr vielen und verschiedenen Menschen. Dieses Netzwerk war dann auch ein wichtiger und tragender Hintergrund für seine so vielfältigen wissenschaftlichen Tätigkeiten.
Ein Beispiel dafür war seine Kooperation mit dem italienischen Pränatalpsychologen Gino Soldera (ANPEP), die zu einer großen Tagung in San Marino führte, wo er mit seinem umfassenden pränatalpsychologischen Wissen einen ganzen Tag lang seine Zuhörer in Bann schlug.
Ein anderes Beispiel waren die jährlichen Tagungen, die ich ab 1991 in dem kleinen Heidelberger Vorort Ziegelhausen organisierte: Wegen Peter-Fedor-Freyberghs vielfältiger Verbindungen war es möglich, internationale Fachleute für diese Tagungen zu gewinnen, die kontinuierlich pränatalpsychologisches Wissen im deutschen Sprachraum vermittelten. Weil der Heidelberger Ordinarius für Neonatologie Otwin Linderkamp auch an diesen Tagungen teilnahm, konnte er das hier vermittelte Wissen für den Umgang mit dem zu früh geborenen Kind nutzen und so dessen primärer Beziehungsbedürftigkeit eine Beachtung verschaffen. Das hat den Umgang mit den frühgeborenen Kindern deutschlandweit und auch mit einer internationalen Ausstrahlung grundlegend verändert und humanisiert. Dabei wurde er wesentlich von Wolfgang Ernest Freud, einem Enkel von Sigmund Freud, unterstützt, den Peter Fedor-Freybergh zu einer Teilnahme am Kongress in Bad Gastein gewinnen konnte. Zusammen mit Thomas Verny wurde Peter Fedor-Freybergh zum Begründer einer Erforschung der seelischen Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt in einem wissenschaftlichen und interdisziplinären Rahmen. Beide stammen aus jüdischen Familien in Bratislava, gingen in das selbe Gymnasium und beide verloren in verschiedener Weise durch gesellschaftliche Gewalt ihre Heimat und mussten sich darum in elementarer Weise aus sich heraus ihr Leben aufbauen und sich wirklich im eigenen Leben verankern, was eben, wie erwähnt, nur möglich ist, wenn man auch in einen inneren Bezug zu seinem Lebensanfang kommt. Das machte sie zu den großen Pionieren, als die wir sie heute anerkennen können.
Wir ehren Peter Fedor-Freybergh nicht nur wegen seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen, sondern ebenso auch wegen seiner tiefen Menschlichkeit.

In großer Dankbarkeit,
Ludwig Janus, Dossenheim

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