HILFETELEFON SCHWIERIGE GEBURT: 0228 9295 9970

HILFETELEFON SCHWIERIGE GEBURT:
0228 9295 9970

Nachruf Peter Fedor-Freybergh, 12.11.1936 — 6.10.2021

Mit Trau­er und Schmerz müs­sen wir von Peter-Fedor-Frey­bergh, einem Pio­nier der Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie und gro­ßen Wis­sen­schaft­ler und wis­sen­schaft­li­chen Publi­zis­ten, Abschied neh­men, der dank sei­nes brei­ten wis­sen­schaft­li­chen Spek­trums, das von der Immu­no­lo­gie über die Geburts­hil­fe, die Psych­ia­trie, Psy­cho­so­ma­tik bis zur Psy­cho­the­ra­pie und sogar zu lite­ra­ri­schen Wer­ken reich­te, so inte­gra­tiv wirk­sam sein konn­te. Durch die­ses brei­te Spek­trum war er beru­fen, dem Wis­sen­schafts­be­reich der Erle­bens- und Ver­hal­tens­be­deu­tung und der Psy­cho­so­ma­tik vor­ge­burt­li­cher und geburt­li­cher Erfah­run­gen ein inter­dis­zi­pli­nä­res Forum im Rah­men der Fach­kon­gres­se der „Inter­na­tio­nal Socie­ty for Pre­na­tal and Peri­na­tal Psy­cho­lo­gy and Medi­ci­ne“ (ISPPM) zu schaf­fen, wie eben­so ein publi­zis­ti­sches Forum im „Jour­nal for Pre­na­tal and Peri­na­tal Psy­cho­lo­gy and Medi­ci­ne“ zu eta­blie­ren. Damit gab er der schon bestehen­den tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Erfor­schung der Erle­bens- und Ver­hal­tens­be­deu­tung von Schwan­ger­schaft und Geburt in der „Stu­di­en­ge­mein­schaft für Prä­na­ta­le Psy­cho­lo­gie“ (ISPP) einen inter­dis­zi­pli­nä­ren Rah­men, was sei­nen Aus­druck in der Namens­er­wei­te­rung in „Inter­na­tio­nal Socie­ty for Pre­na­tal and Peri­na­tal Psy­cho­lo­gy and Medi­ci­ne“ (ISPPM) fand.
Dar­über hin­aus waren sei­ne Akti­vi­tä­ten auch eine Res­sour­ce für die Grün­dung der „Acco­cia­ti­on for Pre­na­tal and Peri­na­tal Psy­cho­lo­gy and Health“ (APPPAH) durch Tho­mas Ver­ny. Bei­de Gesell­schaf­ten sind die welt­weit bedeu­ten­den Foren für die Prä­na­ta­le Psy­cho­lo­gie in Wis­sen­schaft und Pra­xis (www.isppm.de, www.birthpsychology.com).
Die Mög­lich­keit zu einem so brei­ten Spek­trum an Akti­vi­tä­ten hat­te ihre Wur­zeln in Fedor-Frey­berghs euro­pä­isch-huma­nis­ti­scher Bil­dung und sei­ner erstaun­li­chen Viel­spra­chig­keit und der damit ver­bun­de­nen Ver­traut­heit mit ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Räu­men. Dies ermög­lich­te ihm die tra­gi­sche Situa­ti­on, dass er durch das Schei­tern des „Pra­ger Früh­lings“ 1968 gezwun­gen war, sei­ne Hei­mat zu ver­las­sen, für einen Neu­an­fang zu nut­zen. Letzt­lich for­der­te ihn das her­aus, sich in der neu­en Situa­ti­on neu zu behei­ma­ten, was in einer voll­stän­di­gen Wei­se nur mög­lich ist, wenn man sich in der Ganz­heit sei­nes Lebens von Anfang an behei­ma­ten kann. Für die­ses Pro­gramm fand Peter Fedor-Frey­bergh in der “Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie“ den geeig­ne­ten Rah­men, den er dann durch sei­ne Akti­vi­tä­ten inter­dis­zi­pli­när und inter­na­tio­nal trag­fä­hig erwei­ter­te.
Eini­ge Stu­fen sei­ner beruf­li­chen Ent­wick­lung sei­en genannt: Dok­tor der Medi­zin 1959, Dok­tor der Psy­cho­lo­gie 1965, Fach­arzt für Psych­ia­trie und Kin­der­psy­cho­the­ra­pie 1962, Dok­tor der Psych­ia­trie 1967, Dok­tor der Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe 1977. Ärzt­li­che Tätig­keit seit 1968 in psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken in Öster­reich, der Schweiz, Eng­land und Schwe­den; Dozent für Psycho-Neu­ro-Endo­kri­no­lo­gie in Stock­holm 1978 und spä­ter auch in Salz­burg. 1974 war er wesent­lich an der Ent­wick­lung der Bio­lo­gi­schen Psych­ia­trie betei­ligt, ohne aber in die­sem enge­ren Rah­men zu ver­har­ren. Immer dach­te er über enge­re Fach­gren­zen hin­aus. So war er vie­le Jah­re ein füh­ren­des Mit­glied der “Inter­na­tio­na­len Gesell­schaft für Psy­cho­so­ma­tik in der Frau­en­heil­kun­de und Geburts­hil­fe” (ISPOG). Von 1966–1970 war er Sekre­tär der „World Asso­cia­ti­on for Child and Ado­le­s­cent Psych­ia­try”.
1986 ver­schaff­te Peter Fedor-Frey­bergh mit einem gro­ßen inter­na­tio­na­len Kon­gress der Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie in Bad Gas­tein erst­mals eine Sicht­bar­keit in der Öffent­lich­keit, indem er die ISPPM als inter­dis­zi­pli­nä­re und inter­na­tio­na­le wis­sen­schaft­li­che Gesell­schaft eta­blier­te. Basie­rend auf den Bei­trä­gen auf die­sem Kon­gress ver­öf­fent­lich­te er 1987 das ers­te Hand­buch der Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie unter dem Titel „Prä­na­ta­le und peri­na­ta­le Psy­cho­lo­gie — Begeg­nung mit dem Unge­bo­re­nen” und 1988 das ers­te Hand­buch der Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie in Eng­lisch unter dem Titel „Pre­na­tal and Peri­na­tal Psy­cho­lo­gy. Encoun­ter with the Unborn“. Von 1983–1992 war er Prä­si­dent der ISPPM und ver­schaff­te dem neu­en Wis­sen­schafts­be­reich der Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie damit ein inter­na­tio­na­les Forum.
1996 wur­de er zum Pro­fes­sor für Kin­der­psych­ia­trie an der Uni­ver­si­tät Prag beru­fen. Die­se Pro­fes­sur beklei­de­te er bis 2004. 2006 hat­te er eine Pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät Trna­va in der Slo­wa­kei inne und 2007 wur­de er Direk­tor des “Insti­tuts für prä­na­ta­le und peri­na­ta­le Psy­cho­lo­gie, Medi­zin und Sozi­al­ar­beit” an der Uni­ver­si­tät Sankt Eli­sa­beth in sei­ner Hei­mat­stadt Bra­tis­la­va. 2009 bekam er dort den Titel „Pro­fes­sor für Prä­na­ta­le und Peri­na­ta­le Psy­cho­lo­gie und Medi­zin“, die ers­te Pro­fes­sur für die­ses Fach welt­weit.
Zusätz­lich zu die­ser ganz erstaun­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Tätig­keit war Peter Fedor-Frey­bergh Her­aus­ge­ber von vier inter­na­tio­na­len Zeit­schrif­ten: der schon oben genann­ten Zeit­schrift für Prä­na­ta­le Psy­cho­lo­gie, der Zeit­schrift „Acti­vi­tas Ner­vo­sa Supe­ri­or“, der Zeit­schrift „Cli­ni­cal Social Work & Health Inter­ven­ti­ons“ und den „Neu­ro­en­do­cri­no­lo­gi­cal Let­ters“, die er von Derek Gupta über­nom­men hat­te und die er zusam­men mit sei­ner Frau Lili Maas wesent­lich wei­ter­ent­wi­ckel­te und gestal­te­te. Die­se Zeit­schrift spiel­te eine wich­ti­ge Rol­le in der Ver­mitt­lung ost­eu­ro­päi­scher wis­sen­schaft­li­cher Arbei­ten in die­sem Feld. Bedeut­sam ist eben­so die Ver­mitt­lung des inter­na­tio­na­len Wis­sens der Prä­na­ta­len Psy­cho­lo­gie auf meh­re­ren Kon­gres­sen in der Slo­wa­kei, die unter sei­nem Namen abge­hal­ten wur­den.
Die zahl­rei­chen wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten von Peter Fedor-Frey­bergh sind im Inter­net unter „Rese­arch Gate“ abruf­bar.
Über die Viel­falt sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit kann man nur stau­nen. Sie wur­de wesent­lich durch sei­ne Hoch­be­ga­bung ermög­licht, aber in glei­cher Wei­se durch sei­ne tie­fe Mit­mensch­lich­keit und sei­ne ganz unge­wöhn­li­che Fähig­keit zum Auf­bau von Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen zu sehr vie­len und ver­schie­de­nen Men­schen. Die­ses Netz­werk war dann auch ein wich­ti­ger und tra­gen­der Hin­ter­grund für sei­ne so viel­fäl­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Tätig­kei­ten.
Ein Bei­spiel dafür war sei­ne Koope­ra­ti­on mit dem ita­lie­ni­schen Prä­na­tal­psy­cho­lo­gen Gino Sold­e­ra (ANPEP), die zu einer gro­ßen Tagung in San Mari­no führ­te, wo er mit sei­nem umfas­sen­den prä­na­tal­psy­cho­lo­gi­schen Wis­sen einen gan­zen Tag lang sei­ne Zuhö­rer in Bann schlug.
Ein ande­res Bei­spiel waren die jähr­li­chen Tagun­gen, die ich ab 1991 in dem klei­nen Hei­del­ber­ger Vor­ort Zie­gel­hau­sen orga­ni­sier­te: Wegen Peter-Fedor-Frey­berghs viel­fäl­ti­ger Ver­bin­dun­gen war es mög­lich, inter­na­tio­na­le Fach­leu­te für die­se Tagun­gen zu gewin­nen, die kon­ti­nu­ier­lich prä­na­tal­psy­cho­lo­gi­sches Wis­sen im deut­schen Sprach­raum ver­mit­tel­ten. Weil der Hei­del­ber­ger Ordi­na­ri­us für Neo­na­to­lo­gie Otwin Lin­der­kamp auch an die­sen Tagun­gen teil­nahm, konn­te er das hier ver­mit­tel­te Wis­sen für den Umgang mit dem zu früh gebo­re­nen Kind nut­zen und so des­sen pri­mä­rer Bezie­hungs­be­dürf­tig­keit eine Beach­tung ver­schaf­fen. Das hat den Umgang mit den früh­ge­bo­re­nen Kin­dern deutsch­land­weit und auch mit einer inter­na­tio­na­len Aus­strah­lung grund­le­gend ver­än­dert und huma­ni­siert. Dabei wur­de er wesent­lich von Wolf­gang Ernest Freud, einem Enkel von Sig­mund Freud, unter­stützt, den Peter Fedor-Frey­bergh zu einer Teil­nah­me am Kon­gress in Bad Gas­tein gewin­nen konn­te. Zusam­men mit Tho­mas Ver­ny wur­de Peter Fedor-Frey­bergh zum Begrün­der einer Erfor­schung der see­li­schen Bedeu­tung von Schwan­ger­schaft und Geburt in einem wis­sen­schaft­li­chen und inter­dis­zi­pli­nä­ren Rah­men. Bei­de stam­men aus jüdi­schen Fami­li­en in Bra­tis­la­va, gin­gen in das sel­be Gym­na­si­um und bei­de ver­lo­ren in ver­schie­de­ner Wei­se durch gesell­schaft­li­che Gewalt ihre Hei­mat und muss­ten sich dar­um in ele­men­ta­rer Wei­se aus sich her­aus ihr Leben auf­bau­en und sich wirk­lich im eige­nen Leben ver­an­kern, was eben, wie erwähnt, nur mög­lich ist, wenn man auch in einen inne­ren Bezug zu sei­nem Lebens­an­fang kommt. Das mach­te sie zu den gro­ßen Pio­nie­ren, als die wir sie heu­te aner­ken­nen kön­nen.
Wir ehren Peter Fedor-Frey­bergh nicht nur wegen sei­ner her­aus­ra­gen­den wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen, son­dern eben­so auch wegen sei­ner tie­fen Mensch­lich­keit.

In gro­ßer Dank­bar­keit,
Lud­wig Janus, Dos­sen­heim

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