Sehr geehrte Frau Zweer,
vielen Dank für die Zusendung des ersten Gesetzentwurfes zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe.
Die ISPPM – Internationale Gesellschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin e.V. beschäftigt seit über 50 Jahren intensiv mit den Prägungen und Folgen der Erfahrungen während Schwangerschaft, Geburt und Nachgeburtszeit.
Auch wenn diese Lebenszeit eines Kindes nicht in dem Gesetzentwurf enthalten ist, möchten wir trotzdem darauf hinweisen, dass viele Auffälligkeiten zum Teil auch Behinderungen wie z.B. Autismus ihre Wurzeln, die Ursachen in ungünstigen Bedingungen in dieser ersten Lebensphasen angelegt und entwickelt werden.
Eine neuere Studie des Nobelpreisträgers James Heckman belegt dies, was wir in der Praxis seit vielen Jahren beobachten.
Viele Folgekosten, die in der Kinder- und Jugendhilfe behandelt und festgelegt werden, könnten drastisch verringert werden, wenn es eine umfassende nicht nur medizinische, sondern vor allem auch psycho-soziale Betreuung und Versorgung der schwangeren Frauen mit ihren Familien geben würde. Es steht inzwischen wissenschaftlich außer Frage, dass eine gesunde embryonale Entwicklung von der emotionalen und psychischen Verfassung der Mutter und deren soziales Umfeld abhängt. Leider sind genau in diesem Bereich in den letzten 20 Jahren immer wieder starke Einschränkungen und Kürzungen vorgenommen worden. In der Geburtsvorbereitung und zuletzt mit dem neuen Hebammenhilfevertrag (01.11.25) ist durch finanzielle Kürzungen in der Schwangerschaftsbetreuung und Nachsorge der Hebammen eine flächendeckende Betreuung der Schwangeren vor allem in ländlichen Gebieten jetzt schon nicht mehr gegeben.
Angst, Unsicherheit und Sorgen der Schwangeren erhöhen das Stresspotential des Ungeborenen und haben einen schwächenden Einfluss auf die spätere Resilienz und Regulationsfähigkeit bei Stress, Anstrengung und erhöhten Anforderungen im Leben der Menschen. Die Bedeutung von Geburtstrauma rückt erfreulicherweise mehr ins öffentliche Interesse und deren schwerwiegenden Folgen der Bindungsstörung für die Mutter-Kind-Beziehung.
Auch die frühe Unterbringung der einjährigen Kinder, meist noch jünger in Kitas beeinträchtigt eine gesunde Hirnentwicklung (siehe Prof. Dr. Joachim Bauer, Universität Freiburg). Der Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen ist völlig unzureichend bis vernachlässigend mit langfristigen Folgen der psycho-sozialen Entwicklung der Kinder und widerspricht den seit Jahrzehnten bekannten evidenzbasierten validierten Studien der Entwicklungspsychologie.
Wir sind wenig in dem Feld der Kinder- und Jugendhilfe bewandert, würden uns jedoch sehr freuen, wenn diese Erkenntnisse in die Überlegungen und Verhandlungen mit einbezogen würden.
Letztendlich müsste eine gesellschaftliche Aufklärung über die Bedeutung der Prä- und Perinatalen Lebensphasen in den Schulen stattfinden und in den Curricula von Ausbildungen und der Universitäten aller in diesem Bereich tätigen Berufsgruppen enthalten sein.
Es würde die Jugendhilfe grundlegend entlasten, wenn eine gute, umfassende und flächendeckende psycho-soziale Betreuung und Versorgung am Anfang des Lebens eingerichtet würde!
Mit freundlichen Grüßen
Kola B. Brönner, Präsidentin ISPPM