Schreiben an den Gesundheits-Ausschuss des Bundestages und an den Spitzenverband Bund der Krankenkassen
Sehr geehrte Damen und Herren,
seit Inkrafttreten des neuen Hebammenhilfevertrags (HHV) am 01.11.2025 hat sich die Versorgung in der Schwangeren- und Wochenbettbetreuung massiv verschlechtert – besonders in ländlichen Regionen. Größere Fahrzeiten für Hausbesuche, gekürzte Besuchszeiten und unbezahlte Dokumentationspflichten verschärfen die Situation. Laut Tagesschau (25.11.2025) denken 50 % der Beleghebammen über den Berufsausstieg nach, bei erwarteten Einkommensverlusten von 30–40 %.
Die prä- und perinatale Phase ist für die gesunde Entwicklung des Kindes entscheidend: Körperliches und seelisches Wohlbefinden der Mutter prägen das Nervensystem des Ungeborenen, das Organe, Herz-Kreislauf-System und Resilienz steuert. Hebammen leisten hier ganzheitliche Betreuung – medizinisch, emotional und psychisch. Sie beugen durch Aufklärung, Bindungsförderung und traumasensible Begleitung Geburtskomplikationen, Frühgeburten und Wochenbettdepressionen vor.
Studien (z. B. ACE-Studie, Heckman) belegen: Stress in der Schwangerschaft schädigt die Entwicklung des Kindes – mit Langzeitfolgen wie ADHS, Autismus oder Bindungsstörungen. Die ersten 1.000 Tage (ab Zeugung) prägen Gesundheit und Stoffwechsel lebenslang.
Trotz steigender Kosten im Gesundheitswesen (z. B. Kinder- und Jugendhilfe) wird mit dem HHV an der falschen Stelle gespart. Investitionen in Hebammenbetreuung würden langfristig Folgekosten senken. Wir fordern:
- Sofortige Nachbesserung des HHV, um Versorgungslücken zu schließen.
- konkret und insbesondere: bessere und gerechtere Bezahlung der Landhebammen und Beleghebammen.
- Flächendeckende Aufklärung über Schwangerschaft und Elternschaft – idealerweise bereits in Schulen.
Die geplante HHV-Überarbeitung 2027 kommt zu spät. Wir empfehlen dringend eine Nachbesserung des HVV, um die Versorgungslücken zu verringern.
Bitte beachten Sie auch unsere Stellungnahme zum Gesetzesentwurf zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe
Mit freundlichen Grüßen,
Kola B. Brönner
Präsidentin ISPPM e.V.
Literaturhinweise
- Studie von James Heckman: “Qualifizierung und die Wirtschaftlichkeit von Investitionen in benachteiligte Kinder”
- ACE Studie (The Adverse Childhood Experiences Study, The CDC-Kaiser Permanente Adverse Childhood Experiences (ACE) Study 1998. Ursprünglich veröffentlicht im American Journal of Preventive Medicine .